Tuba Sarica
Integration · Islamkritik · Weltgeschehen

19.09.2016

Der muslimische Chauvinismus

Es gibt gute alte, türkische Sprichwörter, die muslimische Türken sich doch mal zu Herzen nehmen sollten. Eines davon heißt "Sakalım yokki sözüm dinlensin," was sinngemäß übersetzt bedeutet: "Ich werde nicht gehört, schließlich habe ich keinen Bart."

Seit meine Lieblingsautorin Ulla Hahn einmal in einer ihrer Lesungen gesagt hat, dass sie ein Buch für Wörter hat, die sie schön findet, ist es mir nicht mehr peinlich, auch von meinem Schöne–Wörter–Buch zu sprechen. Ich habe ein Buch, in das ich schöne Wörter eintrage, sobald ich sie höre oder lese. Das sind meist keine Wörter, die ich vorher nicht kannte. Es sind Wörter, die ich vielleicht tausend mal gehört und gelesen habe, deren Schönheit mir aber vorher nicht aufgefallen war. "Unverwüstlich" ist z.B. solch ein Wort.

Dann gibt es Wörter, nicht zwingend Fremdwörter, die Dinge beschreiben, für die ich vorher tatsächlich keine Worte hatte. Ich bin in einer Kultur aufgewachsen, die sich nicht viel aus Worten macht. In diesem Kulturkreis sind Worte gefährlich, denn sie könnten einen selbst beschreiben und einen zur Selbstkritik zwingen.
Ich bin ganz versessen auf diese Worte, die mir nicht beigebracht wurden und die mir fehlten, um die Kultur ohne Worte beschreiben zu können.

"Chauvinismus" ist ein solches Wort. Ich habe es zum ersten Mal bewusst von Prof. Dr. Harald Lesch gehört, als ich mir eine auf YouTube hochgeladene Physik–Vorlesung von ihm über das Weltall anhörte. Das ist meine Methode, um abzuschalten. Wenn ich meinen Kopf von den Dingen ablenken will, die auf der Erde passieren, schaue ich mir Dokus oder Prof. Dr. Harald Leschs Vortrag über das Weltall an. Die rein wissenschaftliche Erklärung der Welt ist zwar ernüchternd aber gerade deswegen so beruhigend.

"Der Glaube an die Überlegenheit der eigenen Gruppe"- wie schön beschreibt Herr Lesch das, was meine Mutter tut und was mich so sehr ärgert und es ärgert mich gerade weil ich nicht weiß, wie ich beschreiben soll, was sie da macht, wenn sie alles deutsche schlecht und alles türkische gut macht. Es ist "Chauvinismus". Jetzt habe ich ein Wort dafür.

Wenn ich meiner Mutter sage, ich ernähre mich zum Teil rohvegan, dann ist sie empört und bezeichnet das als Schnapsidee.
Wenn ich es anders, weniger "neuartig" formuliere und ihr sage, dass ich Speisen mit Datteln, statt mit industriell verarbeitetem Zucker süße, dann folgt eine Predigt darüber, wie wundervoll es sei, dass Allah uns eine solch nahrhafte Frucht geschenkt und Prophet Mohammed sie empfohlen hat.

Wenn ich zu einem Besuch bei meiner Mutter eine Avocado als Zutat zum gemeinsamen Kochen mitbringe, dann erntet diese Avocado solch despektierliche Blicke, dass ich mich fast im Nachhinein bei der Avocado für die Herablassung entschuldigen muss.
Erst wenn eine muslimische Ärztin in einer TV-Sendung im türkischen Fernsehen von den Vorteilen einer Avocado spricht, dann wird sie mit Freude und Respekt in den türkischen Speiseplan aufgenommen.

Sie schimpft darüber, dass ich mal wieder irgendwelchen unnützen "Schrott" im Bioladen gekauft habe, wenn sie das Johannisbrotmehl in meinem Küchenschrank sieht, schleppt für mich aber nach ihrem Türkeiurlaub einen schweren Pott "Keçiboynuzu Pekmezi" nach Deutschland, für das sie gerne Übergepäck zahlt, weil es so gesund ist. "Keçiboynuzu Pekmezi" ist die türkische Bezeichnung für Johannisbrot–Sirup.

Erst wenn Dinge einen muslimischen Zusammenhang haben, sind sie gut.
Wenn ich etwas empfehle, ist es schlecht. Wenn der Islam dieselben Dinge empfehlt, sind sie gut.
Ich werde nicht gehört, schließlich habe ich keinen (muslimischen) Bart.