Tuba Sarica
Integration · Islamkritik · Weltgeschehen

16.07.2016

Das Szenario

Es ist der 16. Juli 2016. So habe ich die Ereignisse der letzten Nacht erlebt.

Auf Spiegel Online lese ich "Putsch" und "Türkei" in einem Satz. Bitte was? Das zuvor von Erdogan absichtlich islamisierte Militär soll eine große Operation auf seine islamistische Regierung versuchen? Nein, das glaube ich nicht, denn das wäre ganz schön blöd, weil aussichtslos. Der Verteidigungschef höchstpersönlich ist doch AKP'ler! Was ist eigentlich mit dem? Wo ist der hin?

Heimlich erfasst mich die Hoffnung darüber, dass das islamistische Jahrzehnt heute Nacht vielleicht tatsächlich ein Ende finden könnte.
Ich gehe gedanklich ein Raster in meinem Kopf durch: Alle mir bekannten türkischen Fernsehkanäle durchkämme ich im Kopf nach "regierungsnahes Fernsehen" und "unabhängiges Fernsehen". Regierungsnahes Fernsehen: TRT, CNN, NTV, Star TV, Show TV, Kanal D. Das waren bereits alle großen Sender. Mir bleibt nur ein popeliger Fernseh-Kanal namens Halk TV (übersetzt "Volk TV"), der Sender, der schon während der Gezi-Proteste als einziger frei berichtet hatte. Hier beim Sender ist man sich nicht sicher darüber, wer mit Jets viel zu tief über Istanbul fliegt.
Dann eine Stellungnahme auf der Internetseite des Verteidigungsministeriums: Das Militär übernehme zur Stunde die Staatsmacht. Ich trau' dem Braten noch nicht so ganz.

Auf einem anderen Sender, dessen Tonqualität mich verführt hat, liest die regierungsnahe Journalistin unter Androhung von Waffengewalt eine lange, bewegende Stellungnahme des Militärs vor. Die Aktivisten lassen verlauten, dass sie das Land von seinen islamistischen Fängen befreien werden. "Endlich" flüstere ich in mich hinein. Gleichzeitig hinterfrage ich mich: Ist das wirklich gut oder eher schlecht, was hier passiert? Ich, die für den Weltfrieden schreibt, kann kriegsähnliche Zustände doch nicht gut finden. Und das, was ich sehe, sieht kriegsähnlich aus. Merkwürdigerweise fühlt es sich aber nicht an wie Krieg. Verglichen mit den Erzählungen sowohl meiner konservativ-muslimischen als auch meiner modern-westlich orientierten Verwandten über vergangene Putsche, ist das alles etwas zu "soft" und "freundlich".

Wenig später fallen Bomben auf das Regierungsgebäude in Ankara. Das gefällt mir nicht. Nie habe ich mein Herkunftsland in diesem Zustand erlebt. Nun bin ich mir sicher: Ich hatte zu Unrecht Freude an dem falschen Weg hin zum erwünschten Frieden empfunden. Die in letzter Zeit bezüglich des IS in mir arbeitende Frage, ob Krieg bei Unrecht das allerletzte Mittel sein kann, hat sich für mich heute Nacht ein für alle Mal geklärt. Von nun an kann ich selbstbewusst sagen: Nein. Krieg ist niemals die richtige Lösung.

Der Präsident fliegt nun den Atatürk–Flughafen an, höre ich im Hintergrund. Der Feind Nr.1 hat sich jetzt also seelenruhig in seinen Flieger nach Istanbul gesetzt, während das Militär dicht über der Metropole umherfliegt. Tatsächlich latscht die Zielperson wenig später durch den Flughafen. Echt entspannt, so ein Putsch. Ich whatsappe meiner Cousine in der Türkei. Sie ist gerade mit Freunden in Istanbul unterwegs und erzählt von Polizisten, die Selfies auf Panzern machen.

Das türkische CNN wird im Live-TV vom Militär gestürmt. "Gestürmt". Ein paar Jungs in Camouflage–Uniform gurken im Gebäude herum und fordern die Regie dazu auf, die Übertragung zu unterbrechen. Der Chefredakteur so zu ihnen: Es ist nicht richtig, was ihr hier macht. Und die so: Ja kommt, macht schnell. Wir haben Waffen.
Meine Zwischenbilanz: Das ist entweder der schlechteste militärische Plan, den die Welt je gesehen hat, oder es ist etwas dran an den Analysen regierungskritischer Social Media Posts, die ich parallel zum Geschehen lese: Alles ein riesengroßer Fake. Ich tendiere zu ersterem. Ich will vernünftig sein.

Der Präsident erklärt in perfekt kontrollierter Tonlage, dies sei ein fieser Angriff Fethullah Gülens. Fethullah Gülen ist ein islamistischer Sektenanführer, durch dessen Schule der junge Recep Tayyip gegangen ist. Das Volk soll jetzt auf die Straßen gehen (auf denen gerade Menschen zerbombt wurden) und feiern. Was sollen wir feiern? Dass nicht der böse Lehrmeister an der Macht ist, sondern sein Lehrling, der es geschafft hat, noch böser zu sein als sein neuer Rivale?

Im Halbschlaf sehe ich dann die erstaunlich schnelle, vor Stolz strotzende Siegesmeldung: "Der Militärputschversuch wurde zerstäubt". Dazu ein Bild zwischen vielen schnell aufeinander folgenden Bewegtbildern, in dem Soldaten "abgeführt" werden. "Abgeführt" in Anführungsstrichen, weil...nun ja...die Soldaten gehen in gebückter Haltung in Zweierreihe mit jeweils einem Polizisten mit. Dafür müssen sie noch nicht einmal an den Armen gegriffen werden. Nein, sie werden noch nicht einmal richtig festgehalten. Träume ich bereits einen absurden Traum? Ich versuche mich noch einige Momente lang wach zu halten. Zum Abschluss des Tages schaue ich noch auf die Facebook-Präsenz der Bundesregierung. Steffen Seibert postet: "Unterstützung für gewählte Regierung,". Meine Bundesregierung. Meine Kanzlerin. Meine Magengrube. Ich schlafe ein.

Am Morgen danach wache ich mit der Stimme meines 16- Jährigen Ichs auf. Die Schülerin erinnert mich zurück an die Anfänge der islamistischen Machtübernahme in der Türkei. Alles, was ich damals befürchtet hatte ist bis heute bedauerlicherweise Schritt für Schritt eingetreten. Angefangen bei der Aufhebung des Kopftuchverbots an Universitäten, über die Unterwanderung aller politischen Organe des Staates durch den Islamismus bis hin zur Umwandlung des demokratischen Grundgesetzes in eine abgeschwächte Scharia. Das, was heute Nacht passiert ist war nur ein weiterer der vielen Coups, die meine Atatürk'sche Seele schon seit über einem Jahrzehnt ertragen muss. Die Diktatur ist jetzt so gut wie in der Tasche.

Der News-Marathon der letzten Nacht erinnert mich an noch etwas. Er erinnert mich an die Storys, die ich momentan für das RTL Nachmittagsprogramm schreiben lerne. Ich habe während des Studiums einen Job als Assistentin der Set-Aufnahmeleitung angenommen und habe nun in derselben Firma die Chance, zur Autorin aufzusteigen. In einem Boot Camp wird uns beigebracht, wie wir die Geschichten verfassen, von denen sich Hausfrau "Gaby" beim Bügeln berieseln lässt. Beim Verfassen dieser kleinen Krimis für Gaby muss man darauf achten, dass man es sich nicht zu einfach macht, indem man eine etwas weit hergeholte Begebenheit mit einer zu einfallslosen Idee erklärt. Beispiel: Es passiert ein Mord, dem es in der Geschichte an einer echten Motivation fehlt. Diese Lücke schließt man einfachsten, indem man einen geisteskranken Täter erfindet."Konstruiert!", heißt es dann, "Das ist zu konstruiert! Streich es raus!". Konstruiert. Konstruiert. Das Wort fliegt mir seit Wochen um die Ohren. Ich höre nebenher die Nachrichten auf CNN mit. Der türkische Verteidigungsminister sei gekidnappt gewesen.