Tuba Sarica
Integration · Islamkritik · Weltgeschehen

22.11.2017

Meine Überlegungen, mich in der Türkei verhaften zu lassen

Zugegeben: Kein WLAN zu haben würde schrecklich werden. Aber es wäre der perfekte Ort zum Schreiben. Die staatliche Willkür, der ich ausgesetzt wäre, wäre durch die Solidarität, die aus Deutschland kommt, aushaltbar.

Vor einigen Jahren, als die europäische Öffentlichkeit noch schlief und Erdoğan als einen Modernisierer mit guten Absichten betrachtete, malte ich mir aus, wie es sein würde, wenn ich in naher Zukunft in der Türkei verhaftet werden würde. Ich wollte Deutschland aus seinem Schlaf wecken. Alle sollten die Niederträchtigkeit Erdoğans endlich erkennen. Es sollte ein Skandal sein: Politische Bloggerin aus Deutschland in der Türkei festgenommen! Umgehend würde endlich dieser diplomatische Ton aufhören, den man einer faschistischen Regierung entgegenbrachte, die dieses für mich besondere Land, die Türkei, seiner Demokratie beraubt.

Ein bisschen glamourös würde es sein. Ich wäre in den Nachrichten.
Allzu lange würde ich sowieso nicht in einer kleinen Zelle ausharren müssen – ganz schnell würde die Kanzlerin ein Machtwort sprechen, um mich da rauszuholen.

Heute, einige Jahre später also, ist das Szenario zumindest insofern wahrgeworden, als dass der moderne Diktator seinen Weg gemacht hat. Durch Betrug und Manipulierung des Volkes im In- und Ausland hat er seine Rachepläne gegen die westliche Welt Schritt für Schritt umgesetzt. Nun setzt er also die bemitleidenswerte Wunschvorstellung um, die er jahrelang pflegte: alle ihm unangenehmen Menschen einzubuchten.

Das ist meine Chance! Ich könnte mir Tickets in die Türkei kaufen und würde wohl noch am Flughafen von den Polizisten abgeholt, die Erdoğan zu seinen Soldaten erzogen hat. Trotz meiner kleinen Reichweite würden die Journalisten, die mich kennen, darüber berichten. Das Ganze würde zwar etwas weniger glamourös sein, als ich es mir vorgestellt hatte – schließlich ist es traurige Routine geworden, dass man von inhaftierten Deutschtürken und sogar Deutschen in der Türkei hört, aber Hey!

Zugegeben: Kein WLAN zu haben würde schrecklich werden. Aber es wäre der perfekte Ort zum Schreiben. Die staatliche Willkür, der ich ausgesetzt wäre, wäre durch die Solidarität, die aus Deutschland kommt, aushaltbar. Es sind auch nicht die unerträglichen Minuten vor der Passkontrolle am Flughafen in der Türkei, in denen man sich fast sicher ist, dass die Verhaftung unmittelbar bevorsteht, die mich davon abhalten. Warum tue ich es also nicht?

Es ist eine ganz andere Angst, die mich zurückhält. Sie liegt weiter unter der Oberfläche. Sie betrifft den eigentlichen Grund dafür, weshalb ich es an erster Stelle überhaupt hätte tun wollen: es meiner Mutter zu beweisen. Siehst du, Mama? Er ist nicht einer von uns. Das hast du nun davon. Weil du dich von einem Demokratiefeind belügen und der deutschtürkischen Verwandtschaft hast einlullen lassen, sitze ich jetzt im Gefängnis. Auch wenn bisher keine der unzähligen Beweise dazu ausgereicht hatten, mit denen Erdoğan sich bereits selber längst als Faschist entlarvt hat, dann würde spätestens meine Verhaftung es tun. Worauf ich hoffen würde, wäre Reue.

Ich habe aber Angst davor, stattdessen diesen Satz von ihr zu hören: „Du hättest ja auch nicht solche Sachen schreiben sollen.“

Dieser eine Satz ist es, vor dem ich Angst habe. Es ist die Angst vor dem Moment der Erkenntnis darüber, dass Menschen den Faschismus nicht aus Unwissenheit unterstützen – sie machen es ganz bewusst.