Tuba Sarica
Integration · Islamkritik · Weltgeschehen

24.09.2017

I love Mutti

Die Rechten finden sie nicht rechts genug und die Linken finden sie nicht links genug. Das zeigt eben: Sie ist Mitte. Und wir brauchen eine starke Mitte.

So, wie sich meine Mama, die eine selbstbestimmte Frau ist, zu sehr von der konservativ-muslimischen Verwandtschaft beeinflussen lässt, lässt sich Mama Merkel zu sehr von den Christlich-Konservativen beeinflussen. An meiner Mama klebt Erdogan, an Mutti die CSU. Meine Mama ist in die falsche Verwandtschaft eingebettet, so wie Mutti in die falsche Partei eingebettet ist.

Beide – Mama und Mutti – sind in einer archaischen Dynamik gefangen, die auf dem Prinzip von Gabe und Gegengabe beruht.
Sie glauben, sich den Glaubensbrüdern ein Leben lang fügen zu müssen.
Meine Mama beugt sich ihren muslimischen Onkeln trotz ihrer fragwürdigen Weltansichten, weil sie ihr damals unentgeltlich beim Hausbau geholfen haben, und Mutti lässt sich naiverweise von Lobbyisten einlullen, auch wenn sie keine guten Ziele verfolgen.

Aber ich sehe auch, welche Mühe sich meine Mama angesichts meiner anhaltenden Kritik gibt. Sie mag sich zunächst sträuben und widersetzen – abends im Bett dreht und wendet sie sich aber in der Einsicht, sich auf neue Ideen einlassen zu müssen.
Jetzt ist sie sogar bei einer Demo für Menschenrechte in ihrer Stadt mitgelaufen.

Mutti auf der anderen Seite hat sich zwar jahrelang schwer mit der Ehe für homosexuelle Paare getan – zu stark hätte sie ihre konservativen Wähler damit vor den Kopf gestoßen. Am Ende ist es aber unter ihrer Regierung dazu gekommen und ich glaube, sie war ein Stück weit froh darüber. Man kann ihr noch nicht mal vorwerfen, sie habe kein Ohr für moderne Themen. Ganz im Gegenteil: Selbst Digitalisierung nimmt sie ernst und der FDP damit glatt ihr Wahlthema weg.

Die Rechten finden sie nicht rechts genug und die Linken finden sie nicht links genug. Das zeigt eben: Sie ist Mitte. Und wir brauchen eine starke Mitte.

Trotz allen Konservatismus' bewegt sie sich nach vorne und das ist eine attraktive Mischung: Der Halt des Althergebrachten mit kompromissbereiten Lösungen für die Zukunft – eine Kombination, die wir gerade brauchen.

So wie ich immer hoffe, dass meine Mama in ihrer Zerrissenheit zwischen der muslimischen Verwandtschaft und mir sie selbst bleibt, hoffe ich immer, dass Mutti in ihrer Zerrissenheit zwischen der erzkonservativen CSU und mir sie selbst bleibt.

Man muss doch zugeben, dass man ihr vertraut. Man weiß, dass sie gute Absichten für unser Land hat. Und trotz allen Bashings, sie habe die Flüchtlingskrise nicht gut gemeistert, trauen wir niemand anderem den Spagat zwischen Menschenwürde und Vorsicht zu.

Bei den kommenden Wahlen muss ich mich also entweder von ihr emanzipieren oder darin vertrauen, dass sie weiterhin die Mühe aufbringt, sich an der jungen Generation zu orientieren, die in einer globalen Welt lebt und die Konflikte meistert, die diese Welt mit sich bringt.