Tuba Sarica
Integration · Islamkritik · Weltgeschehen

10.09.2017

Who the f*** is Gülen?

ERDOGAN IST DER PRÄSIDENT DER GÜLEN-BEWEGUNG. Da er ja gerade alle Gülen-Sympathisanten inhaftiert, müsste er sich also zu allererst selbst verhaften.

Als junge Deutschtürkin mit künstlerischen bzw. journalistischen Bestrebungen habe ich früher davon geträumt, dass ich die erste sein würde, die über die Gülen-Sekte schreibt. Diese war ein fester Bestandteil der Parallelgesellschaft, von der jedoch die deutsche Öffentlichkeit überwiegend noch nichts wusste. Während ich mir aber inmitten des abenteuerlichen Lebens Anfang zwanzig einredete, ich würde noch genug Zeit dafür haben, entwickelten sich die Islamisten viel schneller, als ich ihnen zugetraut hätte. Mit Erdogan hatten sie bereits einen Mann im Parlament und noch ein paar Jahre später hörte, durch einen bedauerlichen internen Streit, der in einem angeblichen Putsch gipfelte, auch die breite deutsche Öffentlichkeit von diesem wichtigen Namen: Fethullah Gülen. Und obwohl dieser Name so einiges erklärt, sorgt sein Auftauchen für noch mehr Verwirrung. Also nochmal von vorne:

In meinem deutschtürkischen Umfeld gab es einige relativ moderne Türken. Das war aber die Minderheit. Die große Mehrheit der Deutschtürken lebten, wie ich von innen heraus beobachtete, die Parallelgesellschaft. Ich hatte das Glück, dass meine Kernfamilie relativ liberal war, im Gegensatz zu den vielen anderen deutschtürkischen Familien, die insbesondere ihren Töchtern alle möglichen Freizeitaktivitäten und ein autonomes Leben gänzlich verboten. Diese Eltern erlaubten ihren Söhnen höchstens Fußball zu spielen. Aber die Mädchen durften sich nur zu Hause untereinander treffen und nur Dinge machen, die aus schulischer Sicht nicht zu vermeiden waren.

Eines Tages eröffnete in meiner Heimatstadt im Oberbergischen eine neue Nachhilfeschule. Obwohl es in unserer kleinen Stadt bereits seit einigen Jahren eine professionelle Nachhilfeschule gegeben hatte, die ich wegen meiner Matheschwäche auch selber besuchte, fingen deutschtürkische Eltern erst jetzt plötzlich in Scharen an, ihre Kinder zur Nachhilfe zu schicken, denn: Diese Nachhilfeschule war eine von Moslems gegründete. Schon der Gedanke daran, dass es erst eine nichtdeutsche Einrichtung geben musste, damit diese Eltern auf die Idee kamen, ihre Kinder, die wahrscheinlich schon immer Nachhilfe gebraucht haben, auch zur Nachhilfe zu schicken, machte mich wahnsinnig. Trotzdem nahm ich das Angebot, das wenig später kam, dort als Nachhilfelehrerin in Deutsch und Englisch tätig zu sein, an. Zum einen war ich jung und brauchte das Geld und zum anderen sah ich hier die Möglichkeit, zu den Jungen und Mädchen vorzudringen. Ich kannte ihre Denkstrukturen und wusste genau, was in ihnen arbeitete und was sie eventuell von ihrem schulischen wie auch persönlichen Erfolg abhielt. Ich würde Ihnen diese Dinge abtrainieren.

Während ich dort also jobbte, dämmerte mir aber langsam, dass es in dieser Nachhilfeeinrichtung nicht um den Unterricht ging. Hier ging es vielmehr um das Freizeitangebot außerhalb der Unterrichtsstunden, zu denen ich von den anderen, meist männlichen Mitarbeitern der Einrichtung nicht eingeladen wurde. Das waren neben gemeinsamem Koranlesen und dem Fastenbrechen auch vermeintlich ganz normale Dinge wie Picknicken und Schlittschuhlaufen. Nun könnte man sagen, dass es doch etwas Schönes ist, wenn deutschtürkisch-muslimische Einrichtungen den Kindern Freizeitaktivitäten anbieten. Das Problem ist nur: Damit förderten sie nicht die Entwicklung der Kinder, sondern gezielt die Parallelgesellschaft. Was eigentlich getan werden musste, wenn man wirklich echte Verantwortung fühlte, war, diesen Kindern zu sagen: Unternehmt etwas mit euren deutschen Mitschülern! Und den Eltern hätte man sagen müssen, sie sollten doch bitte aufhören, ihren Kindern das westliche Leben zu verbieten. Stattdessen benutze man (Erdogan und Gülen) diesen Missstand in Deutschland und kreierte einen separaten Raum außerhalb der deutschen Mehrheitsgesellschaft, in dem die jungen Leute zum ersten Mal ganz normale Dinge unternehmen durften. So spürten diese Kinder zum ersten Mal in ihrem Leben, wie es sich anfühlt, aktiv zu sein – heimtückischerweise machten sie diese Erfahrung immer nur in dem streng muslimisch, ja islamistisch kontrollierten "Raum", der ihnen Freiraum vorgaukelte. Man hielt diese Kinder also bewusst in dem Glauben, dieser Raum sei der Einzige, in dem man solche Dinge erleben kann, wo man doch inmitten Europas eigentlich endlose Möglichkeiten der Entfaltung hat, wenn man sie nur wahrnimmt. Trotzdem fühlten sie alle Beteiligten als Teil einer neuen Elite. Natürlich war das nur eine Fake-Elite. Erdogan, deutschtürkische Eltern und ihre Kinder bildeten eine Allianz im Namen des "modernen Islamismus", wie ich ihn gerne nenne.

Der Gründervater dieser Elite war Fethullah Gülen bzw. ein Mann namens Said Nursi, dessen islamistische Ideologie Fethullah Gülen erfolgreich in der türkisch-muslimischen Gesellschaft verbreitete, weshalb diese Bewegung neben dem Namen "Nursi" auch seinen Namen trägt. Nach dieser Gesinnung können Religion und Staat nicht getrennt existieren. Ziel ist es, Religion und Staat zu vereinen – in erster Linie im türkischen Staat, der zum Leidwesen aller Islamisten nunmal streng laizistisch war.
Fethullah Gülen schließlich hat den Schlüssel zum Erfolg der modern-islamistischen Fake-Elite erkannt: den Weg über die Bildung. So eröffnete er alle möglichen Einrichtungen, insbesondere in Deutschland, die allesamt einen modernen Eindruck machten, sodass sich beispielsweise der deutsche Staat nicht nur nicht an ihnen stören, sondern sie auch noch als "integrationsfördernd" unterstützen würde.

Der Plan ging auf. Die Männer in der Nachhilfeeinrichtung fühlten sich in ihren Anzügen trotz ihrer Mitwirkung am globalen Islamismus als die totalen Überflieger. Mir und meinem Minirock warfen sie argwöhnische Blicke zu, wenn sie es überhaupt fertigbrachten, einer sündigen jungen Frau in die Augen zu schauen. Im Wartebereich lag die Fethullah Gülen Zeitung "Zaman" aus, in der Erdogan gepuscht wurde, welcher der Mann Fethullah Gülens im Parlament war. Die Männer verehrten ihn. Fethullah Gülen war so etwas wie Gott und Tayyip Erdogan sein Prophet.

Damals war die Sekte wie gesagt noch nicht als Sekte bekannt. Ganz im Gegenteil: Bei den Deutschtürken genoss sie ein hohes Ansehen. Mir war trotzdem von Anfang an unwohl dabei, mich in dieser Erdogan-nahen Atmosphäre zu befinden. Aber da ist diese gewisse falsche Toleranz, die man glaubt, muslimischen Menschen gegenüber aufbringen zu müssen, selbst wenn sie islamistisch gesinnt sind. Ich hielt Rücksprache mit zwei mir nahestehenden Verwandten aber als Erdogan-Unterstützer sahen sie auch an der Gülen-Bewegung nichts Schlimmes.
Mit der Zeit wurde mir aber der Fundamentalismus dieser Community immer klarer: Ich als moderne Frau wurde hier nur geduldet. Man warf mich nur deswegen nicht raus, weil man als moderner Islamist zumindest so tun muss als sei man offen gegenüber anderen (westlichen) Meinungen. Auch wenn sie es nicht offen zugab (der moderne Islamismus ist immer subtil): Als eine unter vielen war diese Nachhilfeeinrichtung eine Art Rekrutierungscamp für künftige Erdogan-Wähler in Deutschland. Über Jahrzehnte mobilisierte Fethullah Gülen so die deutschtürkische Wählerschaft für Recep Tayyip Erdogan. Mich in solch einer Einrichtung zu befinden, konnte ich nicht mehr länger mit mir vereinbaren und verlies sie nach wenigen Monaten des Unwohlseins.

Irgendwann, als Erdogan und Gülen gemeinsam bereits erfolgreich die Demokratie ausgehebelt hatten, wollte Erdogan seinem Lehrvater, den er in all' den Jahren vor dem Putsch noch in den allerhöchsten Tönen lobte, nichts mehr von dem Kuchen der errungenen Macht abgeben und ließ ihn als den alleinigen Bösewicht dastehen. Während er die Gülen-Bewegung beschimpft, lässt er sich selbst vom Volk feiern.

Die deutsche und europäische Öffentlichkeit ist verwirrt. Wenn auch sehr spät, hat man Erdogan endlich als den angehenden islamistischen Diktator erkannt, der er ist. Der kann also nicht der Gute sein. Also schließt man fast schon darauf, Fethullah Gülen, als sein Gegenspieler sei der Gute. Aber hier gibt es nicht zwei Lager. Es handelt sich um ein und dieselbe Gesinnung, die die Türkei in den Abgrund gestürzt hat.
Ich frage mich, wie peinlich es für die schmierigen Herren aus der Nachhilfeeinrichtung sein muss, dass sie sich nach Erdogans "plötzlicher" Erkenntnis der Boshaftigkeit der Sekte, auf eine Seite schlagen und so tun müssen, als hätten sie mit der anderen nie etwas zu tun gehabt. Auch die beiden Verwandten wollen heute nichts mehr davon wissen, dass sie mir einmal geraten haben, die Gülen-Einrichtung nicht zu verlassen.

Auch wenn sie sich vor über einem Jahr gespaltet haben: Um zu erkennen, was da passiert ist, muss man wissen: Erdogan und Gülen sind ein und dasselbe.
ERDOGAN IST DER PRÄSIDENT DER GÜLEN-BEWEGUNG. Er hat über seine gesamte Amtszeit hinweg systematisch seine eigenen Leute (also Gülen-Leute) in die Regierung geschleust. Da er ja gerade alle Gülen-Sympathisanten inhaftiert, müsste er sich also zu allererst selbst verhaften.