Tuba Sarica
Integration · Islamkritik · Weltgeschehen

14.08.2016

Mein spukiges Türkei-Wochenende

Bis ich als 18-Jährige mein eigenes Ding durchziehen wollte, bedeuteten meine Sommerferien den alljährlichen Familienurlaub in der Türkei.

Meine Eltern sparten all’ ihre Urlaubstage für die Sommerwochen auf und ihren Arbeiterlohn für ein Ferienhaus an der Ägäis. Das hieß 5-6 Wochen lang Planschen am Pool, die weltbesten Hamburger an der Strandbar essen und Brettspiel-Familienturniere. Das alles machte ich zusammen mit meinem Cousin Enes, den ich liebte, weil er so anders war als meine türkischen Gleichaltrigen in Deutschland.

Für mich hieß der Türkeiurlaub vor allem, endlich gut gesprochenes Türkisch zu hören und unter freiheitsliebenden Türken zu sein – anders als in Deutschland. Zwar war ich inmitten von Europa aufgewachsen, dort, wo Demokratie gelebte Normalität war. Aber hier in der Türkei war der demokratische Geist greifbarer als in Deutschland. Ich habe nie ganz verstanden, warum das so war. Ich saugte sie einfach nur auf wie ein Schwamm – die Liebe zur Demokratie.

Heute verstehe ich, warum das so war. Unsere vornehmen Nachbarn aus Istanbul und Ankara lebten den demokratischen Lebensstil bewusster, weil im Unterbewusstsein immer die Angst davor präsent war, sie zu verlieren. Diese Angst war nicht so weit entfernt, wie für einen Deutschen.

Dass Erdogan die Staatsform der Türkei in eine islamistische Diktatur umzukrempeln versucht, ist nichts Neues. Als Türkin konnte ich das schon zu den Anfängen der AKP–Regierung von vor über 10 Jahren beobachten. Alles, was heute passiert, war schon damals vorhersehbar. Aber so richtig spürbar war es erst bei meinem letzten Türkeibesuch, zwei Wochen nach dem „Putschversuch“.

Enes, mein Cousin, hat Hochzeit gefeiert – ein Pflichttermin. Aus Selbstschutz und um das schöne Wochenende genießen zu können, versuchte ich den Spuk zu verdrängen, der um uns herum passierte. Als mein Onkel mir mein Bett machte, hörte ich von draußen ein Hupkonzert und „Allahu-Akbar“-Rufe. Ich erstarrte. Zögerlich fragte ich meinen Onkel, ob das eine Hochzeitsfeier sein soll. Er sagte, das seien die Erdogan-Leute. Ich ging früh schlafen, weil ein langer Tag auf uns wartete. Wir Mädels wurden zur Cocktailparty und schließlich zum Hotel gefahren, in dem die Hochzeitsfeier stattfinden sollte. Dabei fuhren wir an Großplakaten vorbei: „Die Demokratie hat gewonnen“. Mich durchfuhr ein Schaudern. Ich musste an Platon denken, der nicht umsonst schon im antiken Griechenland auf das manipulative Potential der Rhetorik aufmerksam gemacht hatte.

Ich genoss meinen vielleicht letzten Wein in der Türkei in vollen Zügen. Hoffentlich hat keiner gesehen, dass ich auf der Tanzfläche ein wenig auf meinen High Heels getorkelt bin. Die Luft zum Atmen wurde immer dünner. Als ich meinem Cousin gratulierte, brach ich in Tränen aus. Ich sagte, ich sei in letzter Zeit so emotional geworden.

Die türkische Demokratie war einmal. Und sie war so schön. Aber sie ist verloren.